eCulture Dialogue Hamburg

Creating Digital Access to Culture

Das Archäologische Museum Hamburg lud mich freundlicherweise zu dieser Veranstaltung ein. Meine Begeisterung für digitale Themen steigert sich von Jahr zu Jahr. Und von Jahr zu Jahr blicke ich immer kritischer auf dieses Themenfeld. Bei dieser Veranstaltung hatte ich die Ehre, darüber zu twittern. Dies bedeutet für mich, dass meine Tweets gleichzeitig meine Notizen für den Rückblick und für diesen Blogbeitrag sind.

„Digitalen Zugang zur Kultur schaffen.“ (Creating Digital Access to Culture) Ein Statement, eine Aufforderung, ein Wunsch, eine Aufgabe? Was mag es wohl sein? Wenn man sich in der Museumslandschaft umguckt, dann ist es für die meisten Museen wohl eher ein Wunsch, einige machen es sich zur Aufgabe, aber vermutlich ist es eine Aufforderung, der viele Museen gar nicht nachkommen können. Also bleibt es vorerst ein Statement.

Bei Twitter stellte ich folgende Frage: Wie begeistert man künftig ein neues Publikum für kulturelle Inhalte via Socialmedia? Via Twitter erhielt ich ein paar Antworten im Vorfeld:

Ein herzliches Danke an Marlene Hofmann, Historisches Museum Basel und Daniele Turini für diesen netten Gedankenaustausch im Vorfeld!

An diesem Tag gab es viele tolle Beiträge von verschiedenen Institutionen wie dem British Museum, Archäologischen Museum Hamburg, Varusschlacht im Osnabrücker Land (Museum und Park Kalkriese), Digital Archaeology Lab, Danish National Museum, Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen und dem Hamburger Planetarium.  Alle gingen der Frage nach: Kann und will man neue Medien einsetzen? Und wie erreicht man neue Zielgruppen?

Bombastisch – so bezeichne ich den Einstieg der Präsentation vom British Museum. John Rooney berichtete über das Projekt „Pompeii Live“. Ich konnte gar nicht so schnell mittippen, wie ich gern gewollt hätte. Bei diesem Projekt ging es unter anderem darum, dass ein Film zur Ausstellung für die Kinos produziert wurde. Ich habe damals am Rande Notiz davon genommen, war folglich auch nicht im Kino. Jetzt wird mir bewusst, was für ein gigantisches Projekt sich dahinter verbirgt. Guckt selbst in die Clips rein.

Clip vom British Museum

Als ich dort saß, mit offenem Mund, klopfte auch direkt der kleine Skeptiker an. Wie kann man BBC für diese Produktion gewinnen? Wer finanziert das alles? Als ich diesen Beitrag schrieb, guckte ich mir noch mal die Homepage des British Museums an und da war des Rätsels Lösung: „Sponsored by Goldman Sachs“.

British Museum - How did we shoot Pompeii Live?
British Museum – How did we shoot Pompeii Live?

Nichtsdestotrotz fasste John Rooney vom British Museum die Strategie gut zusammen:

„Questions to ask…

  • What are your goals?
  • Who is your audience?
  • Can you harness your institution’s staff?
  • What’s your time frame?
  • What exactly do you want to produce?
  • What income do you expect?”
  • “What a successful EVENT needs to do…
  • It must bring the objects to life
  • It has to involve world experts, start with curators
  • It must have high production values
  • The event needs to create a social buzz”

Von John Rooney auf den Punkt gebracht: „Objekte müssen zum Leben gebracht werden, man benötigt eine Geschichte.“ Geschichten machen Objekte spannend, erst dann ergeben Objekte einen Sinn. Er plädierte unter anderem Events für Erwachsene und für Schulen -Zielgruppen orientiert. So präsentierte er ein Objekt (vermutlich ein versteinertes Brot oder so) und kam auf die Idee, das man Brot ja auch online backen könnte. Brot online backen? – Irgendwie genial. Warum nicht? Es lassen sich viele Themen via #socialmedia vermitteln. Warum nicht auch das Thema Brot? Er verdeutlichte auf ziemlich einfache Art, dass jedes Objekt spannend sein kann. Es ist die Art und Weise der Vermittlung.

Das Schlüsselwort von Rooney lautet „Collaboration“. 

Das Archäologische Museum zeigt anhand von Ausgrabungspräsentationen und der Darstellung der Sammlung die Entwicklung Richtung Socialmedia. Aber wie wurden früher Ausgrabungen dokumentiert? – Klar, mit Stift und Papier! Wenn es besonders schön werden sollte, dann wurden die Zeichnungen koloriert. Aber wie vermittelt man heute Archäologie? Früher waren es Panoramen, die Ausgrabungen oder ähnliches verdeutlichten. (Ich vermute, es handelt sich dabei um Schaukästen.)

Archäologisches Museum Hamburg
Archäologisches Museum Hamburg: Schaukästen in der alten Sammlung

Das Archäologische Museum Hamburg geht neue Wege in der Vermittlung. Die Sammlung wurde neu konzipiert. Objekte wurden Themenfeldern zuordnet und verdeutlichen wie es früher war oder auch, welche Auswirkungen unser Lebenswandel auf die Zukunft haben wird. Via Museumsapp kann man sich zu allen Objekten Informationen anhören, durchlesen oder sich über Landkarten die Fundorte anschauen. Für Kinder gibt es ein extra Spiel. Ausführlicher habe ich bereits hier darüber berichtet. Für die kommende Sonderausstellung hat sich das AMH wieder etwas Neues einfallen lassen: Einen Blog. Man darf gespannt auf die Sonderausstellung und die Präsentationsart sein. Zumindest ist das Archäologische Museum ein Museum, das offensichtlich gern neue Wege geht.

Varusschlacht im Osnabrücker Land – Museum und Park Kalkriese: 1. Erkenntnis, ich war schon laaange nicht mehr da. 2. Erkenntnis: Das Museums nutzt keine sozialen Netzwerke. 3. Erkenntnis: Der Vortrag von Dr. Heidrun Derks war großartig! In diesem Museum wird ganz klar der Fokus auf die Forschung gelegt. Wissenschaftlern dürfte hier das Herz aufgehen.

Varusschlacht im Osnabrücker Land, Dr. Heidrun Derks
Varusschlacht im Osnabrücker Land, Dr. Heidrun Derks

In diesem Museum wollen Besucher mehr den „face to face“ Kontakt. Wenn man vor Ort ist und sich mit einem Thema beschäftigt, sind soziale Medien dann noch notwendig? – Ich bin ehrlich, wenn ich in einem Museum bin, glücklicherweise an einer Führung teilnehmen kann, dann lerne ich am meisten. In dem Augenblick benötige ich keine sozialen Medien! Und nun stelle ich die nächste Frage, bereitet man zu Hause eine Ausstellung nach??? Ein normaler Besucher? Ich vermute eher nicht. Ich setze mich manchmal mit den Themen auseinander, weil ich darüber schreibe. Wenn ich nicht darüber schreibe, freue ich mich, dass der Besuch so schön war.

Auch mir reicht ein Papierplan mit klaren Anweisungen, wo es lang geht. – Frau Dr. Derks brachte mich ins Grübeln. Jedes Museum hat unterschiedliche Zielgruppen und andere Bedürfnisse. Klar höre ich mir gern in einem Kunstmuseum einen Audioguide an. Mache gern Fotos und blogge über Museen oder Ausstellungen. (Aber da beginnt auch wieder das Problem mit dem Fotografieren.) Fasziniert hat mich der Einsatz von QR-Codes im Energiebunker in Wilhelmsburg. Ich nutze Instagram oder teile bei Facebook Ausstellungstipps mit. Aber benötigt man als Besucher vor Ort die Sozialenmedien? Als Freund von Tweetups und als Blogger schreit das Herz: JA!

Viele Themen, viele Möglichkeiten, viele

Fragen

  • In den USA nutzen Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren die sozialen Medien 35 Stunden pro Woche. Welchen Stellenwert haben die sozialen Netzwerke in Europa?
  • Was haben Museen von Social Media?
  • Erreicht man via Twitter, Facebook, Blog, Instagram wirklich neue Zielgruppen?
  • Worin liegt der Mehrwert für potentielle Besucher?
  • Was bringen online Spiele für Museen?
  • Wie viele interessierte Menschen kommen nicht in Museen?
  • Kann Socialmedia als Ersatz dafür dienen?
  • Kann man als Museum alle Zielgruppen abdecken?
  • Für wen ist der digitale Zugang gedacht?
  • Was ist das Ziel des digitalen Zuganges?
  • Bieten digitale Archive neue Möglichkeiten? Gucken dort nicht nur Experten rein? Verstehen Laien überhaupt die Inhalte ohne weitere Erklärungen?

Auf einige Fragen habe ich für mich bereits eine Antwort gefunden, andere bleiben in der Schwebe, die Zeit wird es zeigen. Socialmedia hat Potential, ersetzt aber niemals einen Museumsbesuch! Ein Tweetup ist toll, aber mal ganz im Ernst, er ist am schönsten, wenn man live vor Ort ist. Warum? Weil man dann eine Führung erhält, wo man viel mehr mitbekommt. Es macht mehr Spaß in einer Gruppe eine Ausstellung zu erkunden als alleine vor einem Computer zu Hause zu sitzen.

Socialmedia ist ein Mittel, ein Instrument – für mich um an dieser Stelle einen Aufruf zu starten: Geht in die Museen! In ihnen verbergen sich spannende Geschichten, lasst sie Euch erzählen! (#storytelling)

Zum Abschluss gibt es noch ein paar nette Zitate, die ich auf der Tagung aufgeschnappt habe:

„Dinge müssen in einen Kontext gebracht, erst dann lernen wir.“ – Context learning – Thomas W. Kraupe
„Man kann Social Media nutzen, um zu zeigen wie faszinierend unsere Geschichte ist.“ Andreas Wrede
„Social Media bietet neue Perspektiven und Präsentationsmöglichkeiten.“ Prof. Dr. Rainer Maria Weiss.

Wer nicht genug von diesem Thema bekommt, dem kann ich nur diesen Blog empfehlen: HERZDAMENGESCHICHTEN 

0 Kommentare zu “eCulture Dialogue Hamburg

  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel, der auch eine Menge Fragen aufwirft. Richtig ist, dass Social Media-Engagement nicht zu jedem Museum und jeder Zielgruppe gleich gut passt. Gleichzeitig ist Social Media nicht gleich Social Media und jede Plattform hat andere Vor- und Nachteile. Was am besten zum eigenen Haus passt, sollte daher ganz genau analysiert werden, bevor man wild ausprobiert (obwohl dieses Konzept laut dänischem Skagens Museum manchmal auch aufgehen kann!).
    Viele Grüße, Marlene

  2. Liebe Marlene,

    danke für Deinen Kommentar. Du hast vollkommen recht. Der Vorteil ist, dass es so viele Plattformen gibt. Man kann sein Museum über Bilder darstellen oder im Blog die Arbeiten beschreiben. Verschiedene Wege…

    Herzliche Grüße
    Wera

  3. Ganz toller Artikel Wera

    „Socialmedia ist ein Mittel, ein Instrument“ das ist wohl ein Grundsatz, den viele noch nicht verstehen. Aus Angst die digitale Welt würde einen Museumsbesuch ablösen, verpassen viele Institutionen den Anschluss an die heutigen Kommunikationsformen. Mittel hierfür gibt es genügend. Die Synergien, die wir in einem Jahr aktiver Social Media Arbeit schaffen konnten, bringen uns heute einen wirklichen Mehrwert. Können wir sagen wir haben XY Prozent mehr Besucher? Nein. Können wir sagen wir haben XY Prozent mehr Reingewinn? Auch nicht. Aber wir können sagen, dass wir uns besser vernetzt haben. Dass wir durch Formate wie z.B. den Tweetups Sprachregionen verknüpfen konnten und so auch Nutzerinnen und Nutzer in anderen Länder auf uns Aufmerksam machen konnten ist schlichtweg großartig.

    Der Gedanke, dass man nicht mehr nur von Besucherinnen und Besuchern redet halte ich hier als für sehr wichtig. Denn durch die Auslagerung der Museumsinhalte ins Social Web kann man heute auch Kultur online genießen – man wird quasi zum „Nutzer“. Das schöne daran: Aus einem Nutzer kann jederzeit ein Besucher werden, etwas was man durch intensive Beziehungspflege erreichen kann. Die Schritte brauchen zwar viel Arbeit und Innovationsgeist – das sind wir aber mehr als bereit zu investieren!

    Herzlich
    Daniele

  4. Pingback: Hamburg – „Du bist HAMMA!“ | kultur und kunst

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