Mefistofele ©Mar Florès Flo

Premierenabend von “Mefistofele” in der Opera Lyon

{Pressereise} Mefistofele ist die einzige Oper von Arrigo Boito und oft wird dieses Stück nun wahrlich nicht aufgeführt. Umso mehr habe ich mich gefreut, zu dieser ungewöhnlichen Opern Premiere in Lyon eingeladen zu werden. Ich sagte ja bereits, dieser Sommer/Herbst steht bei mir unter einem musikalischen Stern und ich kenne keine Grenzen vor irgendwelchen Genres.

Dies ist bereits mein zweiter Besuch der Opera de Lyon, das Gebäude hat mich erneut beeindruckt und die Bühneninszenierung war wieder gewaltig und ungewöhnlich zugleich. Aber beginnen wir von vorn. Mefistofele beruht auf Goethes Faust, es ist verrückt, wenn man bedenkt, dass dieses Stück und das Thema aktueller denn je sind. Es geht um die Leistungsgesellschaft, Liebe, Glück, Verbrechen, Schuld, Gnade und Erlösung. Was macht ein erfülltes Leben aus? Die Frage des “Seins” wird unter aktuellen Gesichtspunkten, im Rahmen eines spektakulären Bühnenbildes, neu verhandelt.

Ein futuristisch anmutendes Labor, fleißig wie die Bienen arbeiten sie alle, still und gefühlt im Akkord, vor sich hin. Es erinnert an Fabrikarbeit, tägliche Monotonie, stets dasselbe, ohne Erfüllung von vielleicht gehegten Träumen. Man muss sich von alten Opernvorstellungen und dem Text und irgendwie auch dem Plot verabschieden, sich loslösen können und sich schlicht auf den Kern der Handlung konzentrieren. Im Vergleich zu den Experten, die erfahrene Opernkritiker sind, fiel es mir leicht, keine Vergleiche zu ziehen. Ich war ziemlich unvoreingenommen, da ich noch nie eine Aufführung von Mefistofele gesehen hatte.

Faust geht einen Pakt mit Mefistofele ein, Verführung, Gut und Böse, Glück und Liebe, Tod und Erlösung, die Themen bleiben, aber die Umsetzung ist eine andere. Bei der “Entführung aus dem Serail” war das Bühnenbild schon sehr gewagt und ungewöhnlich, auch bei dieser Aufführung war das Bühnenbild nicht jedermanns Geschmack. Ich habe eine gewisse Vorstellung von Oper und das Bühnenbild entspricht dieser nicht. Das bedeutet nicht, dass ich es schlecht fand, ich musste zumindest hinterher darüber nachdenken – und ist das nicht entscheidend? Im nachhinein muss ich sagen, wurde das Stück sehr gut adaptiert und ins hier und jetzt übersetzt. Es dürfte eher den Geschmack von jüngeren Menschen treffen und lädt regelrecht dazu ein, darüber zu diskutieren, was wir auch im Anschluss getan haben.

Bezüglich der Stimmen bin ich gewiss kein Experte, dafür ist mein Gehör nicht gut genug geschult, um zu sagen, was in einer Oper besonders gut oder schlecht ist. Mich persönlich haben Mefistofele (John Relyea, Bass) und Faust (Paul Groves, Tenor) nicht überzeugt. Die Damen (Evgenia Muraveva) haben mich deutlich mehr berührt. Gab es einen stimmlichen Gänsehautmoment? Ja, den gab es – als der Chor einsetzte. Es war der pure Wahnsinn in Zusammenspiel mit dem Bühnenbild, in diesem Gesang hätte ich versinken können und machte das Finale für mich perfekt.

Der obere YouTube Ausschnitt zeigt leider viel zu kurz, was einen erwartet, süße liebliche Himmelsschaaren, die auf einen einwirken. Die jungen MusikerInnen haben allen anderen die Show gestohlen.

Der folgende YouTube Link verdeutlicht, wie stimmgewaltig Mefistofele ist und vom Chor einfach überlagert und „an die Wand“ gespielt bzw. gesungen wird. Man kann das Video einfach nicht mit einer Live-Aufführung vergleichen, auch wenn es schon sehr beeindruckend ist. Aber live ist es einfach unbeschreiblich schön! (Ähnlich wie bei einem Museumsbesuch – ist nichts, wirklich nichts vergleichbar mit einem Live-Event oder dem direkten Besuch/Kontakt zur Kunst/Musik!)

Wie war es?

Ich wurde von einigen hinterher gefragt, wie es so war und ich muss sagen, mir fällt es sehr schwer, eine kurze und knappe Antwort darauf zu geben. Oft antworte ich, dass es eine Mischung aus dem ZDF-Fernsehballett, Rocky Horror Picture Show, den besten Chören und einer unglaublichen Bühnentechnik war. Da ich Ballet sehr gern mag, die Rocky Horror Picture Show durchaus schon gesehen habe und ein Freund von guten Kirchenchören bin, sind dies alles keine abwertenden Aspekte, sondern zeigen eine völlig verrückte Mischung mit der man vielleicht nicht unbedingt in einer Oper rechnet.
Im Nachhinein durfte ich mit zwei sehr charmanten Journalistinnen über das Stück diskutieren, die beide ganz unterschiedlicher Meinung waren. Ich befand mich irgendwo dazwischen. Weit entfernt von einem Bühnenbild, was man eventuell mit Faust verbinden würde, einem Plot, der abstrakt umgesetzt wurde, aber meines Erachtens noch nachvollziehbar war, einem tollen Orchester, wahnsinns Chören und Solisten, die vielleicht noch mehr aus ihrer Figur hätten machen können.

Ich denke noch immer über das Stück nach, und das ist ganz gut so, ich habe noch nicht damit abgeschlossen und das finde ich besonders faszinierend. Denn man muss sich damit auseinandersetzen, versucht einigen Dingen auf den Grund zu gehen. Fragt sich, warum wurde es so umgesetzt und nicht anders? Wieso diese Interpretation? Denn letztendlich ist es ja nur eine Interpretation eines Stückes, das adaptiert wurde.

Ich musste wieder an ein Buch denken, dass sich in meinem Regal befindet und das ich auch durchaus gelesen habe: “Das Frankfurter Gretchen. Der Prozeß gegen die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt” (Herausgegeben von Rebekka Habermas). Ich habe das Buch in meinem Studium gelesen, als Goethe und Gretchen Bestandteil eines Seminares waren. Ich wusste damals nicht, dass es tatsächlich so einen ähnlichen Fall in Frankfurt gegeben hatte. Goethe kannte diesen Fall und hat sich offenbar dadurch inspirieren lassen, wenn man das so sagen kann. Für mich ist es mal wieder ein guter Anlass Goethes Faust und vor allem den Urfaust zu lesen, der deutlich kürzer ist und mir daher mehr zusagt. 😉  Aber Faust ist und bleibt ein Klassiker und jede Adaption ist bei mir immer willkommen, darum habe ich die Einladung nach Lyon so gern angenommen, weil ich Mefistofele noch nicht kannte.

Nun neigt sich mein musikalischer Sommer langsam dem Ende entgegen, nach U2, den Siemens Fest>Spiel>Nächte in Salzburg, dem Bergen Philharmonic Orchestra in der Elbphilharmonie und einem kleinen Joris Konzert in Harburg, über das ich noch gar nicht gebloggt habe, stehen in den nächsten Wochen und Monaten Lesungen und mal wieder ein paar Museumsbesuche an. Es bleibt also spannend.

Weitere Termine der Oper:
21. Oktober 2018
23. Oktober 2018
https://www.opera-lyon.com/fr/20182019/opera/mefistofele

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