Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Es ist schwer zu beurteilen, wer eigentlich Vincent Van Gogh (1853 – 1890) war. Seine Werke sind außergewöhnlich, man kennt sie, man weiß sie zu schätzen, ihr Wert ist mittlerweile unermesslich und trotzdem bleibt dieser Künstler ein Mysterium.

Nachdem ich im vergangenen Jahr den animierten Film “Loving Vincent” gesehen habe, hatte ich nun die Gelegenheit vorab den Film “Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit” zu sehen. Dieser Film verstört, fasziniert und verwirrt – vielleicht genau das, wie Van Gogh sich fühlte? Im Mittelpunkt des Films steht die Zeit in Arles ab 1888. Dort sind Werke wie das Porträt Joseph Roulin (1888) oder die bekannten Sonnenblumenbilder, Garden at Arles (1888) oder Field with Flowers near Arles (1888) entstanden.

Irgendwo las ich über den Film, dass er unter anderem weh tun würde und das stimmt. Der Film tut weh, die Kameraführung hat mich halb verrückt gemacht, aber es passt. Sie soll den Betrachter wohl auch ein wenig verrückt machen, denn durch dieses Stilelement wird man in die Welt Van Goghs gezogen und kann ihr nicht mehr entkommen. Im völligen Kontrast dazu steht der Ton des Filmes, ruhig, besinnlich und an manchen Stellen herrscht vollkommene Stille. Das sind die Momente in denen man sich als Betrachter fragt, wie wohl die Welt und das Leben von Vincent Van Gogh wirklich war. Zahlreiche Briefe zwischen ihm und seinem Bruder Theo geben Einblicke in die Biografie des Ausnahmekünstlers, der Autodidakt war und nie eine Kunstschule besucht hat. Seine Zerrissenheit, sein Wahnsinn, sein Drang, die Welt mit seinen Augen darzustellen werden wunderbar durch Ton, Kameraführung und Landschaftsaufnahmen umgesetzt.

Nicht zuletzt gehört das wohl größte Lob dem Hauptdarsteller, der wie geschaffen ist, um diese Rolle zu spielen. Willem Dafoe brilliert als Vincent, nicht nur optisch kann man sich ihn als Künstler vorstellen, auch diese innere Anspannung, das Drama um seinen Zustand verkörpert er auf einzigartige Weise. Als Künstler selbst einen Künstler zu spielen, stelle ich mir ungeheuer schwierig vor.

Ein Satz, den Dafoe als Van Gogh im Film sagt, ist bei mir hängen geblieben: “Unsere Existenz kann nicht grundlos sein.” Der Grund für Van Gogh liegt irgendwie auf der Hand, er wollte der Welt zeigen, wie er sie sieht, die Sonne, das Licht, die Schönheit, die Menschen, Dinge… seine bislang eher unbekannte Maltechnik, aus den Gemälden fast Skulpturen zu machen, weil er so schnell ist, die Farben so dick aufträgt und man gefühlt jeden Pinselstrich erkennt, machten ihn erst spät nach seinem Tod berühmt.

Durch diesen Film wird mir die bedeutungsvolle Verbindung zwischen van Gogh und Gauguin klar. Gauguin besuchte van Gogh in Arles für ein paar Wochen. Sie porträtierten sich gegenseitig und es wird deutlich, welch wichtige Rolle Gauguin für van Gogh spielt. Bei der Abreise Gauguins wird der Verfall von van Gogh stark verdeutlicht. Auch seine Beziehung zu seinem Bruder wird thematisiert, sie schreiben sich Briefe und Theo scheint in der Not immer für Vincent da zu sein (die Dokumente sind bei Europeana einsehbar). Sein eigentümliches Verhalten und seine Verletzungen zwangen ihn gewissermaßen freiwillig in eine Nervenheilanstalt zu gehen (Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence). Seine Biografie ist tragisch. Bis zu seinem Tod verkaufte er kaum ein Werk.

Der Titel “An der Schwelle zur Ewigkeit” wird gern auf dieses Bild bezogen, es zeigt einen verzweifelten Menschen. Aber der Originaltitel des Gemälde lautet „At Eternity’s Gate“ (May 1890). Es ist der typische Pinselstrich, die warmen Farben und starken schwarzen Konturen. Man möchte fast sagen, ein klassischer van Gogh, aber mich betrübt das Bild sehr, denn seine Malerei von der Natur ist so überwältigend und schön, dass ich dies kaum miteinander in Einklang bringen kann. Ich finde, van Gogh hat die Schwelle zur Ewigkeit schon vor langer Zeit überschritten. Seine Werke sind einzigartig, gehen unter die Haut und sind Meisterwerke seiner Zeit. (Umso mehr freue ich mich auf die Ausstellung „Making van Gogh“ im Frankfurter Städelmuseum, die ab dem 23. Oktober 2019 zu sehen sein wird.)

Mein Fazit: Ein sehenswerter Film mit einem großartigen Hauptdarsteller. Wer eine komplette Biografie erwartet, wird allerdings enttäuscht. Dieser Ausschnitt seines Lebens zeigt das Ende eines einzigartigen Künstlers. Der Film lässt Vincent van Gogh in einem Licht erscheinen, das den Zuschauer zum Nachdenken anregt – über die Motivation zu malen (warum male ich?), den Sinn des Lebens (ist Malen Sinn und Zweck?) und das Sein (wer bin ich?). Die einzige kleine Kritik, die ich anzumerken hätte, wäre die Länge des Film (1Std 51min). Einige Phasen und Szenen wurden in die Länge gezogen, die dem Betrachter einiges abverlangen. Da ich sehr ungeduldig bin, trifft dies auf mich (leider) zu. 😉

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