#artbookfriday | Nicht sprachlos, nur ohne Worte

Fotos – sind ein spannendes Medium. Ich persönlich liebe es Fotos anzusehen, aber auch selbst zu fotografieren. (Ich frage mich, wann ich selbst mal wieder dazu kommen werde…) Aber um mich geht es hier heute gar nicht, sondern um ein ganz tolles Projekt bzw. ein interessantes Buch: “Nicht sprachlos, nur ohne Worte”. Man ahnt schon, was sich dahinter verbergen könnte, ein lustig geartetes Fotointerview! 

Christoph Krelle hat Hamburger interviewt, diese durften nur mit Gestik und Mimik antworten. Zum einen habe ich jetzt neue Hamburger kennengelernt, denn die Klarinettistin Sabine Grofmeier kannte ich zum Beispiel zuvor noch nicht. Daher ist das Buch ein dreifacher Gewinn für mich, Fotos, neue Menschen und eine tolle Idee/Umsetzung. 

Aber wie kommt man eigentlich auf so eine Idee? Diese Frage musste ich Christoph natürlich stellen und bekam dankenswerter Weise auch eine ausführliche Antwort, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung erscheint seit vielen Jahren die Reihe „Interview ohne Worte“. Davon angetan habe ich überlegt, was ich vielleicht Ähnliches machen könnte. Bei der Recherche habe ich herausgefunden, dass die Idee gar nicht von den Redakteuren der Süddeutschen Zeitung stammt, sondern auf den lettischen Starfotografen Philippe Halsman (1906-1979) zurückgeht. 1948 hat der den französischen Schauspieler Fernandel in New York getroffen und ihn über Amerika befragt. Fernandel sollte nur mit Mimik und Gestik antworten, Halsman fotografierte das Ganze – ein Experiment. Halsman ist überhaupt als sehr experimentierfreudig in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen. Neben den sogenannten „Jumping Pictures“ ist er auch für seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Surrealisten Salvador Dalí bekannt geworden. Vor diesem Hintergrund habe ich mir überlegt, das Format „Interview ohne Worte“ noch einmal neu zu denken: Keine sterilen Studioaufnahmen wie bei Halsman und der Süddeutschen, sondern authentische Außenaufnahmen. Die Stadt Hamburg als Kulisse, die Interviewten suchen die Locations aus. Und keine große Nachbearbeitung. Das gesamte Setting sollte möglichst spontan und natürlich sein. Aus dem Moment heraus. Die Befragten bekamen die Fragen vorher nicht zu sehen, und wenn die hochstehende Sonne – entgegen der Wettervorhersage – für harten Schatten im Bild sorgte, dann war es so. Das gehört zum Kunstwerk.

Stimmt, wo Christoph mir diese Antwort schrieb, fiel es mir wieder ein, in der Süddeutschen gibt es ein ähnliches Projekt, welches ich mir auch immer mit Begeisterung angesehen habe. (Aber ich hab schon länger keine Süddeutsche mehr gelesen, wie man merkt. 😉 ) 

Aber wie kam es ausgerechnet zu diesen Persönlichkeiten?

Als ich das erste Interview führte, war noch nicht festgelegt, ob ich daraus einmal ein Buch machen möchte. Ich wollte zunächst nur ausprobieren, wie ich mit dem Format zurechtkomme. Ich dachte mir, dass es eine besondere Herausforderung sein müsste, wenn der Interviewpartner jemand ist, der dafür bekannt ist, viel und gerne zu reden – und nun schweigen müsste, um zu antworten. So entschied ich mich für die Rednerin Isabel García, mit der ich schon vorher eine Weile in Kontakt stand. Sie war sofort begeistert von der Idee und sagte zu. Während des Shootings am Ufer der Binnenalster äußerte ich Zweifel, ob ich das Projekt wirklich umsetzen möchte, doch sie bestärkte mich darin und nannte mir prompt zwei Namen, bei denen ich einmal anfragen sollte, ob die nicht auch mitmachen möchten. Doch dann habe ich auch selbst überlegt, wen ich gerne dabei hätte und eigenständig nach Persönlichkeiten Ausschau gehalten. Bei wem ich anfrage, habe ich nach Bauchgefühl entschieden. Dabei gab es auch Zusagen von Menschen, mit denen ich nicht zurechtgekommen bin. Die Arbeit mit ihnen führte ich nicht zu Ende, sie haben keinen Platz in meinem Buch bekommen. Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass alle Interviewpartner etwas gemeinsam haben, auch wenn sie sich untereinander nicht kennen. Es sind sehr kreative, auch künstlerisch begabte Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, ihrer Leidenschaft folgen. Und mit sehr viel Feingefühl das mit Anderen teilen, was sie selbst gut und richtig finden.

Ich bin begeistert von diesem kleinen feinen Buch und zu gern würde ich die Fotos und Fragen mal in einer Ausstellung sehen, ich denke mir, dass die Fotos in groß beeindruckend sind. Das typische Hamburger Setting macht die Bilder interessant und lässt sie lebendig wirken. Bis dahin werde ich dieses Buch noch häufiger durchblättern und es mir immer wieder mal ansehen. Mein Favorit: Der Dackeblick von Isabel García. Herrlich! Sie wirkt auf allen Fotos so sympathisch und natürlich, dass es mir eine Freude war, sie mit diesem Interview “kennengelernt” zu haben. 

Ich hoffe, lieber Christoph, dass Du dieses Fotoprojekt weiter verfolgst und es irgendwann einen zweiten Teil geben wird – und eine Ausstellung! 😀 (Meine Wunschliste an Persönlichkeiten würde dann wie folgt aussehen: Otto, Rene Scheer, Rudolf Klöckner, Ursula Richenberger, Olivia Jones, Linda Zervakis….) 

#Titel | Nicht sprachlos, nur ohne Worte. Fotointerviews aus Hamburg. 2016 – 2019 

#Autor | Christoph Krelle

#Verlag | tredition Verlag

#Seiten | 84

#Sprache | Deutsch 

#Erschienen | 19. Oktober 2020

#ISBN | 978-3-347-08960-0

Herzlichen Dank lieber Christoph für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare zu “#artbookfriday | Nicht sprachlos, nur ohne Worte

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