August Macke Seiltänzer, 1914 Öl auf Leinwand, 82x60cm Kunstmuseum Bonn Foto: Kunstmuseum Bonn / Reni Hansen, Wolfgang Morell

Paradies! Paradies?

Dieser Titel ist in so mancherlei Hinsicht doppeldeutig. Zum einen ist es der Ausstellungstitel vom Museum Wiesbaden, die August Macke in einer Sonderschau zeigen. Am 30. Oktober 2020 wurde diese eröffnet und quasi sofort wieder aufgrund des Lockdowns geschlossen. Traurig aber wahr. Und wie gern hätte ich diese Ausstellung gesehen, paradiesische, farbintensive Bilder, die man einfach lieben muss. August Macke ist einfach leicht bekömmlich. Es ist nun mal so, das heißt jetzt nicht, dass ich das in irgendeiner Form abwerten würde. Ganz im Gegenteil, ich finde ihn großartig! Zu meinen Lieblingswerken gehören der “Sonnige Weg” und das “Türkische Cafe” (I & II). 

August Macke, Türkisches Café, 1914, Öl auf Holz, 60 cm x 35 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/tuerkisches-cafe-30019622
August Macke, Türkisches Café, 1914, Öl auf Holz, 60 cm x 35 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/tuerkisches-cafe-30019622

Paradies!

Gewiss, die Bilder Mackes sind paradiesisch, ein Blick und man fühlt sich gleich viel besser. Für mich bedeutet ein Blick auf ein Gemälde oder Aquarell Urlaub. Es ist für mich Erholung. Gerade im Winter, wenn es dunkel, düster, trist und trüb ist, dann ist August Macke der Frühling und der Sommer zugleich, ein wahrer Lichtblick. Es ist die Sonne, die einem entgegen strahlt. Und dann gibt es noch die Werke an sich, die Paradiese anmuten. – Natürlich gibt es das Paradies von Macke und Marc, gemeinsam erschaffen, aber ausgerechnet dies ist nicht in der Ausstellung zu sehen. (Aus guten Gründen, denn das Wandgemälde befindet sich in Münster und definitiv nicht transportabel.) 

Paradies?

Aber nicht alles in den Werken von Macke ist paradiesisch, es gibt auch dunklere Gemälde, dunkle Seiten (dabei muss man wohl unweigerlich an “Der Abschied” denken). Zugleich muss man an den jungen Tod denken. Gerade 27 ist er geworden, als er im Krieg starb. Schon schwebt die Frage im Raum, was hätte nur aus diesem außergewöhnlichen Künstler werden können? Ein trauriger Abschied von einem Genie seiner Zeit. Ob er selbst noch ans Paradies geglaubt hat, nachdem er im Krieg war und was er dort gesehen hat? 

“Er malt quasi die Dinge, die er sieht, für uns ein Stück positiver als sie sind.”

Dr. Roman Zieglgänsberger

Paradiesisch war auch die Führung von Kurator Dr. Roman Zieglgänsberger. Über 40 Minuten führte er uns digital durch die Räume der Ausstellung. Ich sah alte Bekannte von August Macke wieder, die ich aus der Sammlung in Münster bereits kannte oder zuletzt in Bonn in der Macke/Marc Ausstellung (2014/15) betrachten durfte. Ich lasse mir also wirklich selten eine Macke-Ausstellung entgehen! Es muss schon triftige Gründe geben, wenn ich diese Reise nicht antrete. – Aber die Führung war wirklich klasse und hatte über 500 Zuschauer. Mich wundert es ehrlich gesagt nicht. Wer ist denn gerade – in diesen Zeiten – nicht hungrig nach Farbe, Leben, Lust, Liebe, Überschwenglichkeit und Freude!? 

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sogar die Webeite des Museums nicht mehr zugänglich war, weil es so viele Zuschauer waren. Herrlich!!! Wann hat man das schon mal? Also wich man schnell direkt zu YouTube aus. Ich muss sagen, es war ein gutes Zeichen, auch dass die Sucht nach Kultur und Macke groß ist! Wer also nicht das Vergnügen der Führung hatte, oder es nicht mitbekommen hat, dem lege ich es ans Herz, die Führung nachzuholen. (Leider ist das Video der Führung nicht mehr online, dafür gibt es aber neue Termine: Sonntag, 14. Februar, 15 Uhr oder Sonntag, 28. Februar 15 Uhr.

Bloggerevent

Eine ausgewählte Gruppe war an diesem Abend zu dem Bloggerevent geladen. Wir sahen uns alle die Führung an und waren danach im Zoom-Meeting zu einer Q&A Session mit dem Kurator eingeladen. Es war eine wirklich nette Runde von etwas über 20 Teilnehmern. Einige Gesichter kannte ich schon und habe mich soooo sehr gefreut, sie wiederzusehen. Lena, Kai Eric, Wiebke, Anke – in dem Moment wurde ich so traurig und wehmütig! Wie gern hätte ich sie alle Live wiedergesehen. Wie sehr vermisse ich die Menschen und die Kunst! Was wäre das für ein Live-Event gewesen – paradiesisch!!!! Mein Herz blutet noch immer beim Gedanken daran. Paradiesisch? Wohl kaum. Digital ist schön und gut. Aber ich vermisse es, im Museum vor einem Bild zu stehen, den Pinselstrich zu betrachten, die Farben aufzusaugen und im Motiv zu versinken. Der Besuch eines Museums, einer Ausstellung, der Blick auf das Original wird niemals durch das Digitale ersetzt. Es ist einfach so! Genauso ist es mit Musik! Wie gern würde ich Igor Levit mal live hören! Ich danke ihm, für seine zahlreichen Tweets, mit denen er sein Publikum und vielleicht auch sich bei Laune hält, aber wie sehr ich doch die Atmosphäre und die Klänge eines Live-Konzerts vermisse. Und nicht nur Kunst, Museum, Musik, nein, auch das Theater beginne ich zu vermissen, Kabarett, irgendwelche Shows! Ich gebe zu, ich hatte bislang das Glück und durfte mir sehr, sehr viele Sachen live ansehen. Ich bin so unendlich dankbar und habe versucht viel darüber zu bloggen und mitzuteilen, warum es sich lohnt, irgendwohin zu gehen. Das tun viele Kulturblogger! Aber diese Zeiten zeigen deutlich, wie sehr wir es vermissen und auch brauchen. 

Kreativität = Zeit zum Denken

Ist Kultur relevant? Müssen die Kultureinrichtungen sofort öffnen – in Pandemiezeiten? Oder vielleicht doch erst Kitas und Schulen? Eine Frage, die ich nicht beantworten will. Mein Mamaherz weiß wie schwer es einige Eltern und Kinder haben, meine Fantasie kennt da keine Grenzen. Ich weiß, wie gut ich es habe. Ich weiß ebenso wie wichtig Kultur für einige ist. Aber ich weiß auch, dass ich das Leben von Menschen schützen muss, die ich liebe. In Summe ein zweischneidiges Schwert. 

Vielleicht schweife ich ab, der Titel „Paradies! Paradies?“ verleitet zum Nachdenken. Über die Ausstellung, den Künstler, sein Leben, seine Freuden, sein Leid, unser Leben, unsere Freuden, unser Leid. Ich sehe, wie er seine Frau und seine Kinder gemalt hat. Ob es schön war, in der Familie Macke groß geworden zu sein? 

Künstlerische Umsetzung meines Gartens mit Reh
Künstlerische Umsetzung meines Gartens mit Reh

Und dann kam der dritte Teil des abends, wo wir kreativ werden mussten. Was bedeutet für uns Paradies? Tja, da waren wir. In einer gedanklichen Auseinandersetzung – mit dem hier und jetzt. Was bedeutet denn Paradies heutzutage? Ausgerechnet in Zeiten von Corona? Die Frage klingt fast schon ironisch – aber natürlich schweift bei vielen sofort der erste Gedanke hin zum Sandstrand mit Palme. Aber ist es wirklich das Paradies? Für mich nicht. Für einige in der Runde war es der Garten, für mich auch. Mein Garten ist mein Fluch, mein Segen, meine Oase, mein Leid, meine Herausforderung und ein verwunschener Ort, an dem immer Arbeit ansteht. Ebenso liebe ich mein Bett, wie gern würde ich mal 8 oder 9 Stunden durchschlafen. Ohne Sorge, ohne immer ein waches Ohr zu haben, ohne die Frage im Nacken sitzen zu haben “geht es allen gut?” Mein Paradies wäre aber wohl ebenso meine kleine Heimat Lippstadt, meine Familie, meine Freunde, weniger Dinge, es sind eher die Menschen, die das mein Leben paradiesisch machen. Und genau das ist vermutlich aktuell auch der Knackpunkt. Die einen gehen fast unter, um Familie, Job, Haushalt, Homeschooling, Kinderbetreuung, Putzen, Kochen, Bespaßung, Spaziergänge unter einen Hut zu kriegen, während diejenigen, die keine Kinder haben, vielleicht sehr isoliert sind, die Zeit haben, alleine oder nur mit einer Freundin oder einem Freund einen Spaziergang machen, die sämtliche Serien schon gesehen haben, den DIY-Kram nicht mehr sehen können, keinen Bock mehr aufs Kochen oder Backen haben. Es sind die Kontakte, die fehlen, die die einen entlasten und die die anderen vielleicht ein wenig ausfüllen. Erst jetzt lernt man natürlich umso mehr zu schätzen, was es bedeutet, wenn die Oma mal eben eine Stunde aufs Kind aufpasst, während man selbst mal eben zum Zahnarzt muss. Dann ist die Oma das Paradies, die einen den Rücken frei hält! 

Was ist Euer Paradies? 

Dieser Abend war für mich wunderschön und natürlich klasse von Anke moderiert und vom Museum Wiesbaden umgesetzt! Einen ganz herzlichen Dank! Aber dieser Abend machte mich auch unfassbar nachdenklich und melancholisch. Ist das die Zukunft? Digitale Veranstaltungen im Bereich Kultur? Nun, zum Teil wären solche Formate prima, weil man ortsunabhängig daran teilnehmen kann. Zu Sonderausstellungen fänd ich eine Kuratorenführung klasse, aufnehmen, online stellen und man kann sie sich so oft ansehen, wie man will. Diskussionen – digitale Partizipation via Zoom, klasse! Nicht alle Themen eigenen sich dafür, gewiss. Und es gibt Veranstaltungen, die will, kann und braucht man nicht ins Digitale zu transferieren. 

An diesem Abend habe ich aber schmerzlich den Kontakt und die netten Pläuschchen nebenher mit den anderen vermisst und neue Leute kennenzulernen. Bei digitalen Events fällt oft die Vorstellungsrunde weg und so nimmt man an einer Veranstaltung teil und sitzt alleine vor seinem Rechner. Man sieht die Gesichter der anderen und wünscht sich so sehr, mit ihnen zusammen vor Ort diese Veranstaltung erleben zu dürfen. Danke, liebe Inge, dass Du mich kontaktiert hast, Du hast meinen Abend zum zwischenmenschlich außerordentlich bereichert. 🙂

Hach, langsam beginne sogar ich die Museumsluft zu vermissen. Ich danke dem Museum Wiesbaden, dass ich wieder etwas davon schnuppern durfte, wenn auch nur digital. Aber es war richtig klasse! Die Führung war super, die Q&A Session war toll und informativ und der kreative Teil brachte einen zum Nachdenken. Ein vollkommener Erfolg eines digitalen Events! 

Und trotzdem bleibt ein Museumsbesuch und die Auseinandersetzung mit einem Original unersetzlich!

Die Ausstellung “Paradies! Paradies?” ist noch bis zum 9. Mai 2021 im Museum Wiesbaden zu sehen, vielleicht hat der ein oder andere noch das Glück, das Museum besuchen zu dürfen. Ich kann es nur jedem ans Herz legen und empfehlen.

Zur Webseite des Museum

August Macke
Gartenbild, 1911
Öl auf Leinwand, 70 x88 cm
Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen
Foto: Kunstmuseum Bonn / Reni Hansen, Wolfgang Morell
August Macke
Gartenbild, 1911
Öl auf Leinwand, 70 x88 cm
Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen
Foto: Kunstmuseum Bonn / Reni Hansen, Wolfgang Morell

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